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Zwischen Rat und Rückzug - Gedanken zur ehrlichen Nähe

Ich bin mit Respekt aufgewachsen. Meine Eltern waren für mich Respektpersonen, deren Worte Gewicht hatten. Natürlich hatte ich meine Jahre, in denen ich ein wenig ausgeschert bin - mit 16 zur Nachmittags-Disco, mit Ausreden, aber immer pünktlich zu Hause. Was gesagt wurde, habe ich akzeptiert. Ob ich danach gehandelt habe? Sicher nicht immer. Aber wenn ich in einer Situation war, waren die Ratschläge präsent. Sie wirkten nach - nicht als Befehl, sondern als Orientierung.

Nicht jeder Rat wurde befolgt. Schulisch hätte ich besser sein können. Aber ich wusste: Die Konsequenzen trage ich selbst. Es war ein Angebot - mit Verantwortung.

Heute erlebe ich oft, dass Ratschläge auch als Bevormundung empfunden werden. Besonders dann, wenn sie aus einer anderen Sichtweise kommen. Dabei wollen sie nur helfen, Fehler zu vermeiden, die sich nicht rückgängig machen lassen. 

Warum hören wir lieber auf Fremde - auf Menschen, die uns nicht kennen - als auf jene, die uns nahe sind?

Ich selbst bin offen für Ratschläge. Ich bin dankbar, wenn ich spüre: Da interessiert sich jemand für mich. Für mich ist das ein Zeichen von Wertschätzung. Wenn man sich für Menschen interessiert, die einem wichtig sind, können Ratschläge gut sein. Sie sind kein Eingriff sondern ein Impuls.

Ich gebe auch Rat in Situationen, die ich für richtig halte. Nicht, weil ich mich aufdrängen will - sondern weil ich es als normal empfinde. Ich finde es schlimm, im Nachgang zu erfahren, dass eine Entscheidung Konsequenzen hatte, und ich habe es im Stillen gedacht, aber nichts gesagt. Vielleicht hat man dann ein schlechtes Gewissen, weil man geschweigen hat. Weil man nicht geteilt hat, was man wusste oder fühlte.

Ein Rat ist für mich kein Übergriff, sondern ein Zeichen von Anteilnahme. Ich sage etwas, weil ich mich interessiere. Weil ich nicht nur zuschauen will. Und weil ich weiß: Der andere entscheidet selbst - aber ich habe meine Verantwortung, meine Stimme.

Ich treffe Menschen, die lieber schweigen. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten - sondern weil sie fürchten, ein Streit könnte entstehen. Sie wollen ihre Ruhe. Ich verstehe das. Aber ich frage mich: Ist Schweigen immer Rücksicht? Oder manchmal auch Angst.

Ich halte nichts von Ja-Sagern, die nur des Friedens willen zustimmen. Für mich ist das unehrlich - sich selbst und anderen gegenüber. Jeder ist anders aufgewachsen, das sollte man respektieren. Aber sich zu verstellen, um Konflikte zu vermeiden, führt nicht zu echtem Miteinander. 

Ich finde es wichtig, die eigene Meinung zu vertreten. Höflich dem anderen zugewandt, aber klar. Es ist doch nicht verwerflich eine andere Sichtweise zu haben. Wenn ich über ein Thema nichts sagen will, dann schweige ich - und sage das auch. Aber zustimmen, nur um meine Ruhe zu haben? Das ist nichts für mich.

Besonders relevant finde ich: Wer in der Öffentlichkeit steht, sollte auch seine Meinung kundtun. Nicht aus Prinzip, sondern aus Verantwortung. Wer sich dem Gespräch entzieht, weil es dem Gegenüber besser passt, verliert sich selbst.

Natürlich kommt es auf die Situation an. Es gibt Themen, bei denen ich mich bewusst rausnehme. Wenn mich etwas zu sehr aufregt, diskutiere ich nicht. Ich verschwende meine Energie nicht. Aber ich schweige nicht aus Angst - sondern aus Klarheit.

 

 

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